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Wissenswertes

Kursleiterin vor einer beschriebenen Tafel

#vonherzengern

Closeup of a man laying across his bed sick with the flu unable to get up to go to work. Used tissues are strewn about the bed and floor.

Die Männergrippe – Ein Stereotyp mit kulturellem Fundament?

Eine Krankheitswelle, wie Sie uns jedes Frühjahr - mal stärker und mal schwächer heimsucht, rollt über uns hinweg. Wenn Sie nun ganz still sind, können Sie es hören.

Fast schon theatralisch hallt ein Klagen aus den deutschen Schlafzimmern - „Ich glaube, ich sterbe!“, keucht der Mann im Bett, umgeben von einer Burg aus Kissen, Taschentüchern und fiebersenkenden Tees. Doch ist die viel belächelte „Männergrippe“ wirklich eine besondere Form des Leidens oder nur ein kultureller Stereotyp? Ein Blick auf die Wissenschaft soll Klarheit bringen.


...

Die Vorstellung, dass Männer bei einer Erkältung überproportional leiden, ist fest in unserer Gesellschaft verankert. Tatsächlich gibt es kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung der Männergrippe. In westlichen Kulturen wird sie oft als übertriebene Reaktion auf leichte Erkältungssymptome belächelt.

Dabei könnte dies lediglich die Kehrseite einer sozialen Erwartung sein: Von Männern wird gern erwartet, stark zu sein, Schmerzen zu ignorieren und trotz Beschwerden zur Arbeit zu gehen. Vielleicht ist die Männergrippe also nur ein plötzliches, ungewohntes Kontrastprogramm zu diesem gesellschaftlichen Bild?

Die Wissenschaft betrachtet die leidende Männerwelt mit recht nüchternem Blick.  Eine aktuelle Studie der Universität Innsbruck aus dem Jahr 2025 konnte erstaunlicherweise das weit verbreitete Vorurteil entkräften: Männer leiden bei Erkältungen nicht stärker als Frauen.

Die Untersuchung an 113 erkälteten Probanden zeigte, dass das subjektive Empfinden von Leid nicht zwangsläufig mit der objektiven Schwere der Erkrankung übereinstimmt. Vielmehr scheinen kulturelle und psychologische Faktoren das Bild der Männergrippe maßgeblich zu prägen.

Gleichwohl darf man nicht übersehen, dass es durchaus biologische Grundlagen gibt, die zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Immunantwort führen können. So wird etwa das männliche Hormon Testosteron häufig als dämpfender Faktor der spezifischen Immunreaktion diskutiert. Im Gegensatz dazu profitiert die Frau von den schützenden Effekten des Östrogens und dem Vorteil zweier X‑Chromosomen, die ihr eine robustere Abwehr ermöglichen. Diese physiologischen Unterschiede mögen erklären, warum Männer bei bestimmten Infektionskrankheiten – wie etwa Influenzaviren oder chronischen Virusinfektionen – mitunter häufiger schwerere Verläufe zeigen.

Einige Forscher argumentieren, dass das Verhalten kranker Männer evolutionär geprägt sein könnte. In früheren Zeiten hätte ein kranker Mann, der sich zurückzieht und Schutz sucht, eher überlebt als einer, der trotz geschwächten Zustands weiterjagt oder kämpft. Ist das Leiden also vielleicht lediglich eine clevere Strategie, Hilfe herbei zu holen um schneller wieder zu genesen?

Der Blick hinter die Fassade der Männergrippe offenbart somit ein vielschichtiges Bild:

Einerseits entlarvt die wissenschaftliche Evidenz das Bild des überempfindlichen Mannes als Mythos, andererseits warnen biologische Fakten vor einer allzu simplen Verallgemeinerung.

Männer mögen in puncto Erkältung nicht überdurchschnittlich leiden, doch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Immunantwort und der Anfälligkeit für bestimmte Infektionen dürfen keinesfalls ignoriert werden.

Wie so häufig in der Medizin und im Leben generell empfiehlt es sich daher den Menschen in seiner Ganzheit zu betrachten – jenseits von gesellschaftlichen Geschlechterklischees und Erwartungen.

Wie erleben Sie die Männergrippe in Ihrem Alltag? Sehen Sie Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Patienten? Tauscht Sie sich doch mal mit Ihren Kollegen aus – auch mit den männlichen. 😉

 

Quellen
https://www.helmholtz-hzi.de/media-center/newsroom/news-detailseite/reagieren-frauen-anders-auf-infektionen-als-maenner/
https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/studien-und-surveillance-node.html
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022399922003324?via=ihub

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