Was ist das metabolische Syndrom?
Rund 20 bis 30 Prozent der Erwachsenen ab 50 Jahren sind in Deutschland vom metabolischen Syndrom betroffen. Die Häufigkeit steigt mit dem Alter. "Das metabolische Syndrom bezeichnet die Kombination und das gemeinsame Auftreten mehrerer Krankheitsbilder und Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes Typ-2 erheblich erhöhen", sagt Prof. Dr. Christian Rupp, Chefarzt Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Diabetologie am Helios Klinikum Pforzheim.
Zu den vier Hauptrisikofaktoren, die dem Syndrom den Beinamen "tödliches Quartett geben", zählen:
- Übergewicht mit vermehrtem Bauchfett (abdominale Adipositas)
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- erhöhte Blutfettwerte
- erhöhte Nüchternblutzuckerwerte (Insulinresistenz)
Bleibt das metabolische Syndrom unbehandelt, steigt das Risiko für verschiedene Erkrankungen, darunter:
- Diabetes Typ-2
- Schlaganfall
- Herzinfarkt
- Niereninsuffizienz
Aber auch die mentale Gesundheit kann unter dem metabolischen Syndrom leiden. Chronische Erkrankungen können bei Betroffenen zu Depressionen, Angstzuständen und einer verringerten Lebensqualität führen. Wer bei sich oder Angehörigen Anzeichen dieser Art erkennt, sollte sich nicht davor scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Es wird angenommen, dass das metabolische Syndrom die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre verkürzen kann.
Ursachen und Risikofaktoren des metabolischen Syndroms
Die Ursachen des metabolischen Syndroms sind vielfältig und ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren.
Verhaltensbedingte Risikofaktoren:
- Übergewicht/Adipositas
- zu wenig körperliche Bewegung
- fettreiche und cholesterinhaltige Nahrung
- Alkoholkonsum
- Rauchen
- erhöhter Salzkonsum
- anhaltender Stress
- Schlafmangel
genetische/krankheitsbedinge Risikofaktoren:
- familiäre Häufung von Herzerkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck
- Erkrankungen der Nieren, Leber oder Schilddrüse
- Polyzystisches Ovarialsyndrom
- Obstruktives Schlafapnoesyndrom
- Fettleber
- Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva
Der Grundstein für das metabolische Syndrom wird jedoch meist schon in der Kindheit gelegt, da falsch erlerntes Ess- und Bewegungsverhalten oft auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt.
Auch genetische Faktoren wie eine familiäre Häufung von Herzerkrankungen, Diabetes mellitus und Bluthochdruck erhöhen die Gefahr für das metabolische Syndrom. Allerdings sind Lebensstilfaktoren die Hauptursache, sodass bei Vorliegen einer genetischen Komponente vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden sollten.
Symptome des metabolischen Syndroms
Oft sind die Symptome in der Frühphase unspezifisch. Gesundheitliche Probleme treten erst mit Voranschreiten der Hauptursachen auf. Daher ist es wichtig, auf erste Anzeichen zu achten, um das Syndrom frühzeitig zu erkennen. Zu den auffälligeren Symptomen und Anzeichen zählt daher die Adipositas, insbesondere im Bauchbereich.
Erhöhte Blutfette und Bluthochdruck sind oft symptomlos und können nur im Labor oder durch regelmäßiges Blutdruckmessen erkannt werden. Veränderungen im Blutzuckerspiegel äußern sich durch Symptome wie Müdigkeit, vermehrten Durst sowie häufigem Wasserlassen und können dadurch erste Hinweise auf eine Insulinresistenz geben.
Diagnose des metabolischen Syndroms
Um das metabolische Syndrom zu diagnostizieren, müssen mindestens drei Risikofaktoren bestätigt werden. Dazu erfolgt eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) sowie eine körperliche Untersuchung. In der hausärztlichen Praxis finden unter anderem folgende Untersuchung im Rahmen der Diagnose statt:
- Kontrolle des Blutdrucks: meist als eine 24-Stunden-Blutdruckmessung
- Bestimmen des Body-Mass-Index: Feststellung des Adipositasgrades
- Messen des Taillenumfangs: gibt Information über die Menge des viszeralen Fetts
- Blutuntersuchung: untersucht werden u. a. Blutfettwerte, Blutzucker, Entzündungsparameter, Harnsäurespiegel im Blut
Kriterien für die Diagnosestellung:
- Bauchumfang: Männer Taillenumfang ≥ 102 cm, Frauen Taillenumfang ≥ 88 cm
- erhöhter Blutdruck: ≥ 130/85 mm/Hg im Rahmen einer Langzeitmessung
- gestörte Blutfettwerte (Nüchternwert): Trigleceride ≥ 150 mg/dl, HDL-Cholesterin < 40 mg/dl bei Männern und < 50 mg/dl bei Frauen
- erhöhter Nüchternblutzucker (Insulinresistenz): ≥ 100 mg/dl
Gerade bei Menschen mit mehreren Risikofaktoren ist eine regelmäßige Kontrolle in der hausärztlichen Praxis sinnvoll, um bereits in frühen Stadien entsprechende Behandlungsmaßnahmen zu ergreifen.
Entstehung und Verlauf des metabolischen Syndroms
Das metabolische Syndrom bildet sich über einen längeren Zeitraum aus. Besonders gefährdet sind übergewichtige Personen, da diese ein erhöhtes Risiko für das Entstehen von Erkrankungen wie Bluthochdruck sowie für erhöhte Cholesterin- und Blutzuckerwerte haben.
Zu wenig Bewegung und gleichzeitig zu viele Kalorien begünstigen die Entstehung von Adipositas und Fettdepots im Bauchbereich (viszerales Fett). Gerade das viszerale Fett beeinflusst den Fett- und Zuckerstoffwechsel negativ und begünstigt die Entwicklung des metabolischen Syndroms. Wer in dieser Phase Gegenmaßnahmen ergreifen möchte, sollte die eigenen Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten anpassen, um Bauchfett zu verlieren und den Hormonhaushalt wieder zu normalisieren.
Gelingt dies nicht, bildet sich im weiteren Verlauf eine Insulinresistenz aus – eine Vorstufe des Typ-2-Diabetes. Bei einer Insulinresistenz reagieren Muskel-, Leber- und Fettzellen weniger empfindlich auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin. Das heißt, die Zellen nehmen weniger Zucker aus dem Blut auf. Die Folge: die Bauchspeicheldrüse schüttet noch mehr Insulin aus, sodass sich langfristig ein Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt. In diesem Stadium ist meist die Einnahme von Medikamenten nötig.
Dauerhaft starkes Übergewicht und Bewegungsmangel begünstigen einen weiteren Risikofaktor: Bluthochdruck. Dieser schädigt über längere Zeit die Innenwände der Blutgefäße. Bluthochdruck in Kombination mit erhöhten Blutfettwerten fördert zudem die Entstehung von Arteriosklerose, bei der es zu Fettablagerungen in den Wänden der Blutgefäße kommt. Das führt dazu, dass sich die Arterien mit der Zeit verengen. Betroffene erhalten meist von ihrem Hausarzt Medikamente, um die Werte zu regulieren. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kann ein operativer Eingriff nötig werden, der die Gefäße weitet, zum Beispiel eine Ballondilatation.
Ist das metabolische Syndrom bereits stark ausgeprägt, können die verengten Gefäße – je nach Bereich im Körper – zu unterschiedlichen, aber schweren Krankheitsbildern führen:
- Im Bereich der Herzkranzgefäße kann es als Folge zu einem Herzinfarkt kommen.
- Im Bereich der Halsschlagadern erhöht sich das Risiko für einen Schlaganfall.
- Im Bereich der Blutgefäße der Netzhaut des Auges ist die Erblindung eine mögliche Folge.
- Nimmt die Durchblutung der Niere durch Gefäßverschlüsse ab, kann es zu Nierenschäden kommen.
- Diabetes kann bei stark schwankenden Blutzuckerwerten oder unbehandelt zu einem diabetischen Fuß-Syndrom führen.
- Weitere mögliche Folgen der Durchblutungsstörungen sind die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) sowie die Schaufensterkrankheit.
Behandlungsmöglichkeiten des metabolischen Syndroms
Hauptziel der Behandlung ist, das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen zu senken. Dazu werden die einzelnen Krankheitsbilder entsprechend einzeln therapiert. Das heißt:
- Übergewicht und Bauchfett reduzieren
- Blutzuckerwerte einstellen
- Blutfette senken
- Blutdruck senken
- Ernährung und Lebensstils
Um Übergewicht zu reduzieren, ist in der Regel eine Kombination aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und einer Verhaltensänderung nötig. Wichtig ist, dass die Gewichtsabnahme dauerhaft angestrebt wird und nicht nur im Rahmen einer kurzfristigen Diät.
Achten Sie auf eine Ernährung, die reich an Ballaststoffen, Obst, Gemüse und gesunden Fetten und arm an Fleisch, Wurst und fettreichen Lebensmitteln ist. Wie die Ernährungsumstellung gelingen kann und was Sie dabei beachten sollten, erklärt Doris Nußbaum, Diätassistentin und zertifizierte Ernährungsberaterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus Bad Kissingen. Ernährung bei Adipositas: Das sollten Sie beachten
"Geringeres Körpergewicht und weniger viszerales Fett sowie regelmäßiges körperliches Training können sich positiv auf den Blutzucker, die Cholesterinwerte und den Bluthochdruck auswirken", sagt Chefarzt Rupp. Pro Tag sollten es mindestens 30 Minuten Bewegung sein. Gerade zu Beginn kann es sinnvoll sein, sich zu überlegen, wie sich Sport und mehr Bewegung in den Alltag integrieren lässt. Sei es mit einem Spaziergang, kürzeren Strecken mit dem Fahrrad statt Auto oder auch der Treppe statt dem Fahrstuhl. „Menschen mit metabolischem Syndrom wird eine Kombination aus Ausdauertraining und Kraftsport empfohlen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, welche Sportarten für Sie am besten geeignet sind und worauf Sie beim Training achten sollten“, rät Prof. Rupp.
Ein weiterer positiver Effekt von regelmäßigem Sport ist dessen Wirkung auf den Blutdruck. Regelmäßige Ausdauereinheiten wirken sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus und können dazu beitragen, dass der Blutdruck sinkt und Stress abgebaut wird.
Ob diese Maßnahmen bereits ausreichend sind, um auf eine medikamentöse Einstellung zu verzichten, ist immer vom behandelnden Arzt zu entscheiden und sollte regelmäßig kontrolliert werden.
Medikamentöse Therapie
Je nachdem wie weit fortgeschritten die einzelnen Risikofaktoren bereits sind, kann eine medikamentöse Therapie notwendig sein. So sollten zu hohe Blutdruckwerte medikamentös eingestellt werden. Auch ein erhöhter Blutzuckerspiegel sowie die Fettstoffwechselstörung (Dyslipidämie) sollten mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden.
Operative Eingriffe
Insbesondere bei starkem Übergewicht, vorhandenem Diabetes oder wenn die konservativen Maßnahmen nicht ausreichend sind, kann eine bariatrische Operation in Erwägung gezogen werden. Oftmals ist in diesen Fällen ein Magenbypass notwendig.
Um die Blutgefäße zu weiten, ist eine Bypass-Operation oder eine Ballondilatation möglich.
Wie kann ich dem metabolischen Syndrom vorbeugen?
"Wer dem metabolischen Syndrom vorbeugen möchte, sollte eine aktive und gesunde Lebensweise anstreben und einhalten. Das heißt unter anderem, dass Sie auf Ihr Gewicht achten, sich gesund und ausgewogen ernähren, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken", rät der Chefarzt. Bei vorliegenden Risikofaktoren ist es wichtig, diese im Blick zu behalten und regelmäßig ärztlich kontrollieren zu lassen, um möglichen Folgeerkrankungen im Frühstadium effektiv entgegenzuwirken. Das gilt auch für Personen, die keine offensichtlichen Risikofaktoren haben. Auch sie sollten einen gesundheitsfördernden Lebensstil anstreben.