Der neue Fachbereich wird organisatorisch eng mit den bereits etablierten Abteilungen für Palliativmedizin und Geriatrie am Standort Kaufungen verbunden sein und unter chefärztlicher Leitung von Dr. med. Josina Waldmann aufgebaut. Ziel ist es, Menschen mit chronischen Schmerzsyndromen eine umfassende, interdisziplinäre Behandlung zu ermöglichen. Denn gerade chronische Schmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden in Deutschland. Etwa 20 bis 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge regelmäßig unter anhaltenden Schmerzen. Besonders häufig treten diese im orthopädischen Bereich auf – wie etwa Rückenschmerzen, anhaltende Schmerzen nach Operationen, Arthrose großer Gelenke, Bandscheibenbeschwerden oder sogenannte myofasziale Schmerzsyndrome.
Schmerztherapie auch für Menschen mit Rückenmarksschäden
Als Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie weiß Dr. med. Josina Waldmann, wovon sie spricht. Die erfahrene Medizinerin hat sich während ihrer Laufbahn viel mit dem Thema Schmerz beschäftigt – zuletzt im Zentrum für Tetra- und Paraplegie in Hessisch Lichtenau, wo sie als Chefärztin für die Behandlung von Menschen mit Querschnittlähmung verantwortlich war.
Menschen mit Rückenmarksschädigungen erleben Schmerzen häufig nochmal ganz anders als Menschen mit einem intakten Nervensystem. Rund 60 bis 80 Prozent der Betroffenen leiden unter chronischen Schmerzen, die sich beispielsweise in Form von Brennen oder Kribbeln (neuropathisch) oder durch Muskelverspannungen, Gelenkbelastungen oder Spastik (mechanisch) bemerkbar machen. Insbesondere neuropathische Schmerzen gelten als besonders komplex und therapieresistent.
Neben den körperlichen Beschwerden hat chronischer Schmerz oft weitreichende Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen. Häufig beeinträchtigt er Schlaf, Stimmung und soziale Teilhabe. Gleichzeitig kann schlechter Schlaf wiederum die Schmerzempfindlichkeit erhöhen – ein Kreislauf, der für viele Patientinnen und Patienten nur schwer zu durchbrechen ist.
„Chronischer Schmerz ist längst nicht nur ein körperliches Symptom, sondern betrifft immer den ganzen Menschen – mit seinen körperlichen, psychischen und sozialen Lebensbereichen“, erklärt die neue Chefärztin Dr. Josina Waldmann. „Deshalb setzen wir in Kaufungen auf eine multimodale Schmerztherapie, bei der verschiedene Fachdisziplinen eng zusammenarbeiten.“ Gemeinsam mit ihrem Team wird sie den neuen Fachbereich am Standort Kaufungen für Helios aufbauen.
Multimodales Konzept in beruhigender Umgebung
Das Konzept sieht einen knapp dreiwöchigen stationären Aufenthalt vor. In dieser Zeit erhalten Patientinnen und Patienten eine umfassende Diagnostik, verschiedene Assessments sowie ein psychologisches Erstgespräch. Auf Grundlage der Ergebnisse werden dann mit dem gesamten Team die Behandlungsziele definiert, die medikamentöse Einstellung vorgenommen sowie individuelle Therapiemaßnahmen festgelegt und durchgeführt.
Der Standort Kaufungen bietet dafür besonders gute Voraussetzungen. Die Klinik liegt am ruhigen Ortsrand und ist von einer großzügigen, grünen Gartenanlage umgeben. „Die Umgebung spielt bei der Behandlung chronischer Schmerzen eine wichtige Rolle“, betont Dr. Waldmann. „Viele unserer therapeutischen Maßnahmen – etwa Achtsamkeitsübungen wie progressive Muskelrelaxation (PMR), Yoga, Kunst- und Musiktherapie – lassen sich in dieser ruhigen Umgebung besonders gut umsetzen.“
Ein zentraler Bestandteil der Behandlung ist die enge Zusammenarbeit mit dem bereits etablierten Team aus Physio- und Ergotherapeuten sowie der neu implementierten Sporttherapie. Das Angebot umfasst unter anderem manuelle Therapie, Faszientherapie und Triggerpunktbehandlungen, gerätegestützte Therapie, Koordinations- und Stabilisationstraining, Pilates, Zumba und Nordic Walking. Ergänzt wird das Portfolio um infiltrative und invasive Maßnahmen, wie u.a. Neuraltherapie, Injektionen in Gelenke und an der Wirbelsäule, Behandlung mit Botulinumtoxin oder Spastikmodulation über Baclofengabe ins Nervenwasser. Zusätzlich können Patientinnen und Patienten von ergänzenden Verfahren wie Akupunktur, Akupressur, Blutegeltherapie, Wärme- und Kälteanwendungen, Hydro- und Elektrotherapie (z.B. TENS) profitieren. Zudem besteht die Möglichkeit der Massage, des Kinesiotaping, der Aromatherapie und Ernährungsberatung.
Bei Verdacht auf schwerwiegende schlafbezogene Atmungsstörung, einer Interaktion zwischen Schmerz und Schlaf, kann eine Polygraphie erfolgen und eine bedarfsadaptierte, individuelle Therapieeinleitung begleitet werden.
Ein ebenfalls wichtiger Bestandteil der multimodalen Therapie ist die psychologische Betreuung. Das Therapeuten-Team unterstützt die Patientinnen und Patienten unter anderem mit Schmerzbewältigungstraining, kognitiver Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren und Atemtechniken sowie mit Stressmanagement und Ressourcenarbeit.
Schmerzen lindern heißt Lebensqualität steigern
„Unser Ziel ist nicht nur, Schmerzen zu reduzieren“, betont die künftige Chefärztin Dr. Josina Waldmann. „Wir möchten den Menschen helfen, ihre Körperfunktionen zu verbessern, ihre Selbstständigkeit zu erhalten und wieder aktiver am sozialen Leben teilnehmen zu können. Dazu gehört auch, depressive Symptome zu reduzieren und die Lebensqualität nachhaltig zu steigern.“
Auch Klinikgeschäftsführer Michael Renziehausen sieht in der neuen Abteilung einen wichtigen Schritt für die medizinische Versorgung der Region: „Mit der Schmerzmedizin erweitern wir unser Angebot in Kaufungen gezielt um einen Bereich, der für viele Menschen von großer Bedeutung ist. Chronische Schmerzen betreffen sehr viele Patientinnen und Patienten – gleichzeitig sind spezialisierte Therapieangebote noch vergleichsweise selten.“
Der neue Fachbereich ergänze ideal die bestehenden Schwerpunkte des Standortes, so der Klinikgeschäftsführer weiter: „Mit der Geriatrie, der Palliativmedizin und nun der Schmerzmedizin entsteht in Kaufungen ein medizinisches Angebot, das sich besonders intensiv mit den Themen Lebensqualität, Selbstständigkeit und ganzheitlicher Behandlung beschäftigt. Damit stärken wir den Standort und schaffen ein wichtiges Versorgungsangebot für die Region Kassel und darüber hinaus.“
Die Umgebung spielt bei der Behandlung chronischer Schmerzen eine wichtige Rolle. Viele unserer therapeutischen Maßnahmen – etwa Achtsamkeitsübungen wie progressive Muskelrelaxation (PMR), Yoga, Kunst- und Musiktherapie – lassen sich in dieser ruhigen Umgebung besonders gut umsetzen.